Weinnasen in Brasilien 2008

I. Käfer, viele Käfer - aber keine Plage!

08.10.2008

Tach aber auch!

Es war nebelig, trübe und zeitweise regnerisch, als uns die TAM nach 12 Std. Flugzeit gegen 6:30 Uhr in Sao Paulo am 05.10.08 in Brasilien, die unsere "Neue Welt" mit verlustgegangengem Gepäck und erschöpft entließ. Verspätete Flugzeit ließ unseren TAM-Anschlußflug nach Porto Alegre ("Fröhlicher Hafen") verpassen. Nach ermüdender Warte- und 1 1/2 Std. Flugzeit später erreichten wir die Hauptstadt des Bundesstaates Rio Grande do Sul im strahlenden Sonnenschein. Der komfortable Schnellbus schaffte die 285 km nach Pelotas in 3 Std. und dann sahen wir in der Abenddämmerung, nach einem 50 minütigen Taxi-Transfer, MORRO REDONDO.

Ein weitzügiges Dorf mit ungef. 5.900 Einwohnern und in typischer dörflicher Ruhe. Eine holprige Sandpiste ging hügelabwärts ins Tal des kl. Flüsschens Valdez. Und hier ist die Sitio des Don Oswaldo mit seinem Clan der Familie Degen. Eingebettet in eine hügelige -liebliche- Landschaft mit Feldern, Wäldern und riesigen Weiden. Verstreut in dieser Gegend liegen dann die Gehöfte bäuerlicher Kultur. Fast eine "Zeitreise": Pferdefuhrwerke, Pferde, Kühe und Obstplantagen und... Käfer! Viele "Käfer" aus der bras. "VW"-PKW-Produktion (bei Sao Paulo) fahren hier und "brummen" ihren Sound.
Wir fühlen uns in die 50iger Jahre in Deutschland versetzt. Hier ist noch die "Pionier-Zeit" spür- und an allen Ecken sichtbar und erlebnisnah.
Die bunten Fassaden der meist einstöckigen Häuser erinnern uns an die Azoren, an Portugal. Meist ein quadratischer Bau mit allseits spitz zulaufendem Ziegeldach. Daneben die Ställe und Wirtschaftsgebäude. Bunter Verputz, blühende Gärten und unmittelbar ums Hausgrundstück die Felder und Weiden. Eine Weitläufigkeit des Dorfes auf ca. 25 km2. Abseits vom Dorf den Morro Redondo "runter" ("Runder Berg") gehts zum Grund und Boden, mit Häusern und Wäldern (Eucalyptus, Pinien, Cypressen, Akazien und Arancarien etc.)

Morro Redondo hat wenige touristische Errungenschaften und kaum Gastronomie und im "Zentrum" ein kl. Hotel. Ein paar vollgestopfte Geschäfte, ein Mercado mit ausreichendem Angebot, jedoch wenig an Obst und Gemüse (fast alle hier sind ja "Selbstersorger") und "lebensnotwendigen Kram". Zwei Kirchen, zwei Friedhöfe (ev./rk.) und ein Rathaus, und viele "Käfer", die hier "knatternd" und brummend noch "überlebt" haben.

Unsere extrem verspätete Ankunft wurde in völliger "Dunkelheit" eines kpl. Stromausfalls ausgiebig gefeirt. Einige der Mitglieder des Degen-Clan hatten uns am Busbahnhof bereits -neugierig- abgeholt und fröhlich begleitet. Trotz des Stromausfalls wurde gefeiert und wir Abgeschlaffte mit Grillspezialitäten und viel Neugier überhäuft. Eine Gastfreudigkeit, so wie wir sie noch selten erlebt haben. Aber über 28 (!) Std. an Reisezeit haben uns schon früh ins Bett unseres Gästezimmers "taumeln" lassen (... oder war doch der Spezialcocktail "Samba" des Hausherren daran schuld?!). Nur für uns wars ne kurze Nacht.
Die Zeitumstellung von ./. 5 Std. und lange Reisezeit (28 Std.) hatte uns kaum 'ne erholsame Nacht beschert. Noch heute haben wir einige Probleme und Beschwerden - eigentlich hatten wir solche Probleme noch nie bei/auf unseren Reisen in die "WeiteWeinWelt"!

Dafür hatten wir am nächsten, frühen Morgen einen strahlend-schönen und warmen (24C) Sonnentag. Neugierig und müde zugleich haben wir dann unsere nächste Umgebung erlaufen und etwas erkundet. Die Mutterboden-Decke ist dünn. Dann kommt eine dicke Schicht hellbraunen, festen Lös und farblich in allen rot- und braun-Tönen liegender (eisenhaltiger) Boden in meterdicken Schichten. Die Wälder sind noch ursprünglich und "wild". Durch die bäuerliche Zersiedlung aber arg dezimiert.
Grün ist die weite Umgebung eines Hügellandes unter azur-blauem Himmel. Die vielen Teiche und kl. Seen lassen den Wasserreichtum erkennen. Bächlein, viele Bäche und Flüsse -oftmals breiter als Mosel oder Rhein- queren das "Land der Gauchos". Freundlich und hilfsbereit erschienen uns die Menschen - meist Siedler in 3ter Generation aus Italien, Portugal (Azoren) und Deutschland. Die klimatischen Bedingungen lassen einen vielseitigen Obstanbau hier am 31.ten Breitengrad im Süden Brasiliens zu. Also auch den Weinanbau (52. LG). Auf die hier durchschnittliche Höhe von 245 m.ü.M. kommt ein subtropisches Klima mit kühlen (frostigen) Wintern und langen, warmen wie trockenen Sommern, in der der Januar bis ca. durchschn. 22C der wärmste ist. Im Juli kann es bis zu 20 Tage Fröste oder leichten Schnee geben (selten!) und 12C sinds dann i.d.R. bei durchschn. 150 mm Niederschlag (durchschn. 17C im Gebiet des Dorfes -bis Pelotas-).

Boden und Witterung sowie weite, sanfte Hügelflächen sind prädestiniert für die Landwirtschaft (und Weinanbau!). Gute Anbindungen über die Autostraße(n) nach Pelotas, Rio Grande, die Hafenstadt am Atlantik und zur Metropole Porto Alegre (Airport) sind vorhanden. Busse verkehren regelmäßig und pünktlich (!) zwischen allen Städten und (fast) allen Orten: bis nach Morro Redondo!

Qualifiziertes und "arbeitswilliges" Personal sowie die große Schar von "Tagelöhnern" (Landwirtschaft) sind die Basis für einen produktiven "Handel und Wandel" in der industriearmen Region inm Süd-Westen Brasiliens. Hoher Bildungsstandard (mehrere Universitäten und Fachinstitute garantieren ein sicheres Investment. Genauso wie die volle Unterstützung durch staatliche Institutionen und Ministerien des Bundesstaates Rio Grande do Sul (="RS"); in Brasilien als "Deutschland" bezeichnetes Land mit seiner größten Staatsgrenze zu Uruguay (angrenzend zu Argentinien und Paragua) und einer pitoresken Küste am Atlantik (mit kl. Fischerdörfern und weiten Sandstränden mit der größten Süßwasser-Lagune (bei Porto Alegre) der Welt, dem Lagoas dos Patos (="Entenlagune").
Hier, im Land der Gauchos (=Viehhirten) gehts etwas ruhiger und "gemütlicher" zu, als in den übrigen Teilen des Landes mit seinen Mega-Citys. Hier prägt die Land- und Viehwirtschaft das (gesellschaftliche) Leben und Streben der umtriebigen Bevölkerung, meist europäischen Ursprungs.

Der Gaucho selber ist Mythos und Relikt einer einst sehr expansiven und gewinnbringenden Vieh-/Weiden-Wirtschaft (Großgrundbesitzer) mit ihren Faciendas, mit unglaublich großen Besitzungen. Hier ist das "bras. Herz" der Weite und Freiheit sowie Unabhängigkeit und Tradition für die ganze Welt brachte einst das "große Geld", gefolgt von einer Vielzahl anderer landwirtschaftlicher Produkte und Güter. Seit ca. Mitte der 70-iger Jahre des letzten Jhdrts. hat auch der Weinanbau mit sich stets steigernden Qualitäten und Expansion sowie Exporten in die EU und Nordamerika, bis nach Asien/China. Eine -wirtschaftlich- sehr interessante Chance für RS und eine qualitative Bereicherung für Weinfreunde in aller Welt wird hier Region um Bento Goncalves/Caixas do Sul - längs der ersten und einzgen "Weinstraße", mit DO-Status(!) produziert. Noch kaum bekannt ist dieses aufstrebende Weinland - oftmals unterschätzt und "abfällig" bewertet. Hier steht ein unbegründetes Vorurteil einem sehr interessanten wie bezahlbaren Genuß ohne Verdruß entgegen. Mich tuts aufregen, wenn ich bei Weinfreunden und -Händlern solch -unbegründetes- Ablehnen höre. Meist von denen, den sog. Weinkennern, die noch nie einen Schluck der überaus genußreichen brasilianischen Weine getrunken haben und sich lieber am eigenen Gelabere berauschen, statt der "Samba im Glas" zu lauschen!

Nun, hier in diesem Teil der Neuen (Wein-)Welt -falls es uns weiterhin gefällt- wollen wir zumindest eine längere, sinnvolle Zeit er- und verleben. Vom Land etwas Gutes nehmen und nach Besserem für die Menschen hier, und uns anstreben. Nichts Großem oder Bedeutenderem gilt unser Streben. Nur ein sinnvolles und erträgliches Leben unter dem "Wendekreis des Krebses".

Die nächtlichen Diskussionen ums Für und Wider. Viele Gespräche mit Oswaldo und Eveli; hier unseren derzeitigen Gastgebern und Hausherren, und die letztendliche Entscheidung meiner Herzallerliebsten Brigitte werden unseren Weg wohl bestimmen. Auf jeden Fall sind wir "on the road again" - diesmal bin ich aber nicht allein, und nicht nur in Sachen "Reiner Wein" laß ich mich auf diese wohl letzte Große Reise ein!

Die Reise -mit einigen Pannen- war sehr belastend. Nicht alles hier in Brasilien klappte in den ersten Tagen. Aber noch immer können wir nichts sagen und müssen den Fragen der netten Menschen hier unsere Unentschiedenheit ansagen.
Solch einen Schritt sollte man(n) nicht ohne genaue Kenntnis von Land- und Menschen und Besonder- sowie Eigentheiten wagen und sich selber die Wahrheit sagen: Kann ich dies in diesem Alter und mit den Behinderungen sowie Zipperlein -noch- wagen, diese bestimmt nicht leichten Schritte zu "tippeln"?

Nun, wir werden sehen, wie hier unsere Chancen stehen und ob wir's Wagnis eingehen!
Eure olle Weinnase


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