Weinnasen in Brasilien 2008

VI. "Wind in den Zweigen des Zimtbaumes!"

11.10.2008

Tach aber auch!

Wenn ich das langestreckte Farmhaus von Don Oswaldo von der Küche her in den weitläufigen Garten verlasse, bin ich mit 2, 3 Schritten unterm Zimtbaum, der schon vor dem Hausbau und Urbarmachung des riesigen Grundstücks hier, damals noch jung und biegsam, im rötlichen Grund der Pampa stand und zu einem stattlichen Baum, übers Dach des großzügig gebauten Hauses hinaus wuchs. Neben ihm wächst üppig sein Freund, der Früchte von besonderer Aromatik tragende, weitastige Feigenbaum.
Direkt hinterm Haus, der Breitseite, da steht eine Pergola mit Weinreben über einer schattigen Blumenwiese. Abgegrenzt durch einen haushohen, direkten Bambuswald, der bis an den murmelnden Bach -mit direktem Uferbewuchs von phantastisch blühenden Planzen und Gesträuch - heranreicht. Neben dem Geklappere der Bambusstämme ist hier die verschiedenartigste Melodie der bunten Vögel jubilierend zu hören. Vom Platz unterm Zimtbaum, mit seinem dichten Blattwerk als prima Schattenspender, geht der Blick weit über die grünen Hügel mit Ackerflächen, Weiden und Eukalyptus-Wäldern, unter meist azurblauem, wolkenlosen Himmel. Hier tummeln sich verspielt Papageien und jagen Greifvögel in weiten, ruhigen Bahnen und Kreisen. Von weither höre ich von den Weiden vereinzelt muhende Kühe der kleinwüchsigen Jersey-Rasse.
Eine hervorragende Milchviehrasse, die hier in freier Weidewirtschaft gehalten wird. Pferde stehen auf der Koppel im Schatten einer uralten, mächtigen Arancarie, die hier sicherlich schon die ersten Siedler und Pioniere hat kommen und Generationen von Gauchos gesehen hat.
Der sonst so dösig wie ich liegende, gold-braune Kater hat sich maunzend, um frische Kuhmilch bettelnd, eingestellt. (2 Ltr. "kuhfrisch" für 1,75 RS = 0,80 Euro).
Selbst unterm sommerdichten Blätterdach des Zimtbaumes mit seiner duftenden (Gewürz-)Rinde bin ich rasch sehr braun durch die wärmende Frühlingssonne (22-24C tagsüber) geworden.

So knapp über 500 m hügelaufwärts gehört ein Neubau zur Arbeit von Don Oswaldo, der hier für sich und seine Eveli den modernen Altersruhesitz, fast eine Casa Grande in größtenteils Eigenleistung mit fachkundigen Nachbarn errichtete. Von hier dringt -kaum hörbar- Gehämmere von der Arbeit am Dachstuhl, der aus selbstgeschlagendem "Hausholz" aus eigenem Wald errichtet und mit den Lehmziegel-Pfannen aus Pampa-Lehm wuchtig und wind- wie regensicher eingedeckt wird.
Denn es ist beabsichtigt, daß wir u.U. hier als Gäste im alten Farmhaus leben sollen (und können?): Als Nachbarn des Degen-Clan in Morro Redondo (RS)!
Das alte Farmhaus aus der Pionierzeit von Don Oswaldo ist stabil und aus gemauerten Ziegeln errichtet. Das Beton-/Ziegelfundament trägt 3 Schlafzimmer, ein gemütliches Wohnzimmer und eine lange Wohnküche. An der Hausrückseite ist aber der große, gußeiserne Holzherd /-Ofen und die großräumige Haushalts-Küche nebst ehemaliger Garage/Werkstatt; der familiäre Lebensmittelpunkt. Zwei geräumige Duschen nebst WC's und fließendes Brunnenwasser, aus eigenem Brunnen-System, liefern herrlich kühles, frisches und sauberes Trinkwasser von erfrischender Qualität und ausreichender Menge und Druck. Die Gemeinde versucht die Stromversorgung stetig -genau wie's Telefon- "sicher" zu halten (Stromausfälle sind, genau wie ein "totes" Telefon aber nicht selten!). Hier könnten wir leben uns unser Leben "einrichten".
Per Bus (H+R für 11,80 RS) ist die "Stadt der Gauchos" =Pelotas in knapp einer Std. erreichbar und wir wären von hier mit allem Notwendigsten versorgt und über ein dichtes Busnetz mit internationalen (Südamerika!) Destinationen und allen Richtungen Brasiliens verbunden. Selbst einen kleinen Flughafen für kleine Maschinen, Kranken- und Opernhaus sowie intern. Banken nebst vielen Shops und Shopping-Galerien gibts hier. Mode und Möbel, Flitter und Tand, Handwerkskram und Friseure, Lebensmittel und Büroartikel und die meisten Verwaltungsstellen sind hier in der Stadt, mitten in der Pampa.
In der Rua Genera Netto und in der Osorio gibts einige Hotels und die meisten Restaurants, die sogar Faßwein ausschenken. Immer ist das großzügige >Rodizio<, Grillfleisch (Lamm, Rind, Geflügel etc.) eine Empfehlung. Etwas außerhalb der Stadt mit städt. Bussen für 1,85 RS aber flux erreichbar, liegt der große und moderne Busbahnhof >Rodeviaria< mit pünktlichem Bussystem und Anschlüssen bis nach Uruguay/Argentinien und über 1.100 km (!) bis nach Sao Paulo -dem Airport-Drehkreuz für Flüge in die Alte Welt. Und wems gefällt, in die Metropole von RS, nach Porto Alegre (35 RS und +3 Std. "direkter" Fahrzeit!).
Der luxuriöse und mondäne Badeort in Uruguay >Punta del Este< am Atlantik, ist in knapp 450 km, Montevideo in 557 km (Uruguays Hauptstadt!) preisgünstig, aber mit viel Zeit erreichbar.

Wegen seiner vielen Süß-Spezialitäten aus einer großen Vielzahl Confeiterieas (=Konditoreien), heißt man Pelotas (350.000 Einw.) auch "Stadt der Süßigkeiten". Daneben findet alljährlich ein "Kolonistenfest" im Oktover (=Frühjahr) des Jahres mit deutschen Traditionen, Tänzen und Speisen sowie reichlich leckerem Bier ("Kaiser") statt. Selbst eine schloßähliche Residenz =Barao de trés Serros (1863) ist in pompösem Stil im Park = Parque da Baronessa als Museum besuchbar.
Ein kleines Opernhaus (mit bunter Barock-Fassade) neben einem gläsernen Bankhochhaus. Viele schöne (und pompöse) Fassaden der Kolonialzeit sind sichtbare Zeichen einer einst ruhmreichen wie "goldenen Zeit" des Gaucho-Landes in Reichtum und Wohlstand. Zeichen einer glorreichen Zeit der Gauchos - Herrschaft der Großgrundbesitzer und Erinnerung an das einstige Kaiserreich Brasilien unter den beiden Kaisern (in Folge) Dom Pedro I. und II.
Westlich, außerhalb von Pelotas führt eine breite und sichere -asphaltierte- Landstrase (BR 293) nach Santana de Livramento, die mit der uruguayischen Stadt Rivera "zusammengewachsen" ist. Die ca. 100.000 Einwohner verdienen an dem Grenzhandel (Freihandelszone!) des zollfreien Einkaufs. Hier ist auch das uruguayische Konsulat erreichbar. Empfehlenswert ist das Hotel (1922) mit würdiger Tradition Jandaiah für ca. 35/40 Euro im DZ/F. Die meisten -guten- Restaurants sind am "Palácio do Comércio". Diese Doppelstadt an der "Grünen Grenze" ist sehr gut im Busnetz - bis nach Buenos Aires (Argentinien) vernetzt >Rodoviária<. Kleine Stadtbusse fahren nach Rivera/Uruguay. Ein reges, kleines Handelsstädtchen ohne große touristische Bedeutung!

Die Hauptverbindung von Pelotas führt in den Süden über die BR 471 nach Chui, einem weiteren Grenzort zu Uruguay, der in der Nähe zum Atlantik liegt. Nahe an der Capitale Rio Grande, die dem Bundesland den Namen gab, geht diese Asphaltstraße vorbei. Dennoch fahren die Busse in die nur 52 km von Pelotas liegende alte Hafenstadt (+200.000 Einw.) am Atlantik und der größten Süßwasser-Lagune der Welt, dem "Lagoa dos Patos".
Es waren Portugiesen, die diese wichige Hafenstadt bereits 1737 gründeten. Zeitweise kam sie aber unfreiwillig unter span. Herrschaft und ist der rege Ausgangspunkt für die Kolonialisierung und Besiedlung des Bundeslandes (RS) gewesen. Die kleine, pitoreske Altstadt ist der architektonische Zeiger dieser Zeit. Und wer das "Hotel Paris" aus dem Jahre 1826 (!) besichtigen möchte, spürt diese Vergangenheit.

"Residieren" würde ich aber im traditionsreichen Hotel "Atlantico Rio Grande" für 15 Euro im EZ/F oder 25 - 38 Euro DZ/F und auch das "Musen Oceanografico" mit Freilichtmuseum "Eco Musen da Ilha da Polvora", das man nur per Boot (im 2 Min.!) erreicht!
Rio Grandes Pracht ist aber auch im 15 km weitergelegenem Zentrum eines 1898 gegründeten Seebades mit Casino und -angeblich- längstem, (212 km) Strand Brasiliens nebst der 4 km langen Mole, der "Molhes da Barra" mit einem Gleis, auf dem mit Segeln betriebene Strandkarren "düsen". Eine absolute Kuriosität (www.riogrande.rs.gov.br)! Auch diese See-/Hafenstadt ist gut mit Bussen per Rodoviára vernetzt. Auch ein Airport für kleine Flugzeuge ist vorhanden. Genauso wie reger Fähr- und Passagierboot-Betrieb zu den Stränden auf der vorgelagerten Halbinsel "Praia Mar Grosso".
Die -reichen- deutschen, engl., und italienischen Handelsbarone und Seespeditionen haben es sich hier gutgehen lassen und dem Seebad-Luxus gefrönt - in der "schönen, alten Zeit", der Vergangenheit Brasiliens. Heute sind Touristen die Nutznießer dieser prächtigen (Vergangenheit) "goldenen Zeit".
Etwas weiter südlich liegt die Doppel-Stadt Chui/Chuy an der bras.-uruguay. Grenze, an der BR 471, (6.500 Einw.), die man mit dem intern. Bussen nach Uruguay/Argentinien durchquert. Das Hotel "Turis Flipper" ist preiswerter als das "Hotel Bertelli" mit 32 Euro DZ/F p.Pers., das ca. 1,8 km ortsauswärts liegt. Hier sind Grenzkontrollen obligat und der Reisende sollte auf die notwendigen Ein-/Ausreisestempel und die Touristenkarten und Dokumentation achten, damits keinen Ärger mit den beiderseitigen Staatspolizei (Federales) gibt. Denn kontrolliert wird in Richtung Montevideo/Urug. erst nach mehreren km hinter der Grenze!

So, nun habe ich einen Überblick/Ausblick vom kleinen Farmhaus der Degen-Chefs Don Oswaldo in die direkte und nähere Umgebung gegeben. Gezeigt, wo wir derzeit im brasilianischen Frühjahr des Jahres 2008 leben, so mitten unter Gauchos in der weiten Pampa im Süden Brasiliens, unweit der Grenze zu Uruguay und nicht fern von den pitoresken Atlantik-Stränden des "Weinlandes" Rio Grande so Sul. Hier, wo sich Moderne und Tradition trifft und der Mythos eines eines "wilden" Landes mit seinen typischen Bewohnern noch sichtbar/spürbar ist, den reitenden Viehhirten des Steppe und Weiden = den Gauchos auf der Pampa.
Etwas, was ich hier empfinde ist noch eine urwüchsige Gastfreundschaft und bäuerliches Leben. Wie in Deutschland vor 50 u.m. Jahren. Vom Leben der eigentlichen Ureinwohner, den "Indianern", da vermag ich (noch) nichts zu erzählen. Denn Guarani und Tupi habe ich noch nicht gesehen; ihre Sprache (guar.) ist aber in der "brasilianischen" Sprache aufgegangen. Und deshalb differenziert sie sich zur portugiesischen (Stamm-)Sprache. Ca. 50.000 Jahre VOR Christi bezeugen Spuren die wohl ersten menschl. Besiedlungen im Sertao des erst um 1499 - 1500 entdeckten Kontinents und 22.04.1550 durch den portug. Seefahrere Amerigo Vespucci eroberten Brasilien, das erst Sta. Cruz hieß.

Dem Pedro Alvares Cabral gebührt aber der Titel "Entdecker", da er hier am 22.04.1500 auf dem "Seeweg nach Indien" mit seiner Flotte bei Porto Seguro landete. 1549 gabs ca. 2.000 europäische Bewohner in der Neuen Welt,

wos der ollen Weinnase sehr gefällt, die nun grüßt!


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