Weinnase in Brasilien 2008

XXVII. Vom "Leben und Treiben" auf der Farm - oder: der Bus ist weg!

01.11.2008

Tach aber auch!

Auch heute wurde es viel später hell als sonst. Wattiger, dichter Nebel lag über den Tälern um Morro Redondo. Und klamme, kühle Luftfeuchte verdarb einem den Spaß am morgendlichen, frühen Kaffeetisch. Erst nach Stunden, so gegen 10:00 Uhr hat es die wärmende Sonne in der Pampa doch geschafft, sich mit einigen Strahlen durchzusetzen. Und nun werden wir uns wieder in Bewegung setzen - aber nur nitt hetzen!
Und dann, ich wollte mir gerade die Schuhe anziehen, kam der Nachbar -Miguels Vater- ans Tor, fragte nach Oswaldo oder seiner Eveli und brachte etwas zappeliges und fiepsendes in den Garten. Etwas mit rehbrauner und etwas mit schwarzweißem Fell: 2 junge Hunde aus letztem, vielköpfigen Wurf einer bras. Mischlings-Hündin. Zwei sich gerade in der Pampa-Welt orientierende Rüden als "Nachwuchs" ins alte Farmhaus am Passo do Valdez. Oswaldos "Geschenk" an seine nun hier in Brasilien bleibende Frau. Derweil er in Deutschland weilen wird und sie nicht allzu "einsam" sich fühlt, bis die Mutter von Eveli (94) sich zur Pflege hier einstellen und aufgenommen wird!
"Altes Leben" und neues Hundeleben wird es also so auf der Farm von Don Oswaldo in Zukunft geben, wo auch wir z.Zt. im Gaucho-Land zeitweise leben und um mehr -weitere- Erkenntnisse für unsere Zukunft streben.
Das die beiden Hunde-Jungs so kläglich fiepsend sich tapsig in der weiten Gemüse-Transportkiste, auf den sie wärmenden Tüchern die volle Aufmerksamkeit meiner Frau nun haben werden, weiß ich nun genau. Dann nun ist unser Bus -leider- weg und ich bin ins "Abseits" geraten - vergessen, so wie unsere geplante Bustour ins Nachbar-Dorf von MoRe zum Obst- und Gemüse-Einkauf! Tja, dies ist dann so der Dinge Lauf, wenns Hundepaar sich so "bettelnd" bemerkbar macht und ich mich in "Lauerstellung" ans schreiben weiter machen darf. Ich muß also fiepsen und schmutzig, schwanzwedelnd und jaulend um meine Frau nun wohl in Zukunft buhlen. Sicherlich oft gegen diese tapsige Übermacht verlieren! Oder?

Auch rings um uns, in den sanften Hügeln und saftig grünen Wiese herrscht reges Treiben und bunt blühendes Leben: Blaßblaue-lila Krokusse in dichten Horsten, wiesenweit z.Zt. das satte Gelb einer kleinblütigen Margeritenart. Dazwischen kniehohe strahlend "kornblumenblaue" Blüten, weitleuchtende weiße, unterarmlange Kelche der riesigen Engelstrompete. In den Gebüschen feuerrote Blütenschöpfe mir unbekannter Gewächse und dazu kontrastreich, die fetten, dunkelgrauen Böden der humusreichen, frischgepflügten Äcker und Böden neben hellroten bis ockerfarbenen (Sand-)Wegen und Pisten.
Oh linda naturleza! Was für ein ruhiges, farbenfrohes Stimmungsbild der hier überaus "reichen" Natur in dem hügeligen Pampa-Land der Gauchos. Nur die Sonne hat Mühe, sich gegen die wieder aufkommenden dunklen Wolken - die nach noch mehr -leider- Regen aussehen, sich beständig durchzusetzen. Wir, in der frühen Mittagszeit, verbringen nun unsere Zeit auf der schmalen Gartenterrasse mit einem Glas voll von selbstgemachter, erfrischender Limonade aus garteneigenen Limette mit rötlich-gelbem Fruchtfeisch und aufgefüllt mit kühlem Brunnenwasser vom Berg hinter dem alten Farmhaus. So, diese Friedlichkeit genießend, warten wir die Zeit für den Nachmittagsbus zum Einkauf ab. Oder gehen per pedes in unseren dörflichen Bäcker-Mini-Mini-Market. Ist ja auch ganz nett, die +2-stündige "Wanderung". Wenn nurs unbeständige Wetter uns dieses notwendige Vorhaben nicht wieder vermiesen wird.

Im Garten und in den Gemüsebeeten blüht und wächst alles -vom Unwetter größtenteils verschont- mit einer Pracht, daß das uns hier dösende Verweilen doch Spass und Freude macht. So wie das Spiel der Vögel! Und was störts uns, daß das wir den Bus wegen niedlicher Hundebabys als Neuzugang auf der Farm verpaßt haben. Was wir heute nicht an Einkauf ausgegeben haben, macht uns nicht arm. Und im Windschatten der gartenseitigen Terrasse ist's doch schön warm.
Die Düfte vom nahen Eukalyptus-Wäldchen, süßlicher Duft von Blüten, fast wie Honig, daneben den so wie ein "Frühlingsparfüm von Nina Ricci" ="L'Air du Temps", so als zarten Anklang und vielstimmiger Vogelgesang. Vor den ziehenden Wolken in allen grau-blauen Schattierungen kreisen, fast ohne Flügelschlag die ihre Beute suchenden Greifvögel. Mal stehen sie, leicht flatternd, scheints wie auf der Stelle am weiten Horizont, mal kreisen sie, auf und nieder, in sanften weiten Kreisen. In mir wirds -wieder- ganz "leise" und ich fühl mich noch nicht auf dem "Weg zum Greise". Weitab vom Gehöft zieht ein dunkelbrauner Gaul den Pflug eines ackernden Bauern - ich fühl mich in die Zeit meiner Kindheit versetzt und beginne auf ein seltsames Lied in mir zu horchen. Ein Lied, das vom Leben erzählt, das manchmal aus dem Gleise lief, von Freude und Genuß im Überfluß, von derbem Verdruss und so einigen Verlusten, die nun "mein Lied", mein Leben, mich so ausmachen. Und ich beginne leise mitzusummen und still-vergnügt an, in mir zu lächeln!

Zunächst dachte ich, es wäre ein bunter Falter. Ein farbenprächtiger, großer Schmetterling, der vor uns um die Gartenblüten - schimmernd in blau-grün wie ein funkelnder Edelstein flatterte. Bis ich am Flugverhalten und dem -langen- Schnabel einen, meinen ersten Kolibri hier im Farmhaus-Garten freudig "entdeckte". Wohl von der duftenden und aufgeblühten Pracht angelockt - oder war es so mein "Lied" - umflatterte im kaum feststellbarem Flügelschlag, mehr ein rotieren und kreisen, leise die zahlreichen Blüten auf seiner Nektar-Suche. Mir kam dieser so unerwartete Besuch, so still und leise und funkelnd bunt, so wie ein Zeichen, eine Bestätigung zu meinen Gedanken - mehr Gefühlen vorherrschend- vor!
Unsere Bus-Einkaufstour wurde -manhana-mäßig auf "Morgen" verschoben. Der Mittagstisch, mit gartenfrischem, überbackenem Blumenkohl, rotschalige schmackhafte Kartoffeln aus heimischem Boden und ein saftiges Stück Brasado (=Schmorfleisch) von den hiesigen, kleinen Rindern. Zum Dessert 'ne saftigschmelzende Avocado mit Saft der rotfleischigen Limette vom Baum neben unseren Stühlen, ist schnell gemacht. Und dann, nach der Siesta, gehts ab in die Hügel, aufwärts hinterm Farmhaus, in die Pampa. Zur weiteren Erkundung des "Runden Hügel", des Morro Redondo.
Die Sonne hat sich gegen die erst so "bedrohlichen" Wolken durchgesetzt und wir uns gegen die friedliche "Mattheit" und das sich so, zeitweise, treiben und -fast- alles bleiben lassens!

Aber nein, ganz so faul blieben wir nun doch nicht sitzen und den restlichen sonnig-warmen (+24C) Nachmittag nur verdösend. Mit der Fotokamera in der Hand, erkundeten wir das Land, das hinter unserem "Hausberg" am Passo do Valdez liegt. Und dann wurden wir -urplötzlich- aus der Sonne herab attackiert. Ein Raubvogel, mit einer 1,20 m Spannbreite seiner hellbraunen, weißgezeichneten Flügelspitzen stürzte sich auf uns herab.
Vor Schreck vergaß ich dieses Erlebnis zu fotografieren. Und nach diesem Tiefflieger-Angriff zog der Räuber der Lüfte weite Kreise über das friedliche, sonnenbeschienene Tal des Valdez ziehend immer die hier starke Thermik nutzend, auf in die azurblaue Höhe, bis wir ihn nur mehr schwer, fast nur noch so groß wie ein Tennisball am sonnengleißenden Himmel -bewundernd- und erregt zugleich, mit den Augen kaum noch folgen konnten. Durch den dichten Forst von hohen, stammgraden Akazien und silberblättrigen, mächtigen Stämmen der Eukalyptus-Riesen wanderten wir so zeitvergessend und heiter noch über 1 Std. weiter durch die friedliche Landschaft, teils an landwirtschaftlich genutzten Feldern, teils an saftig-grünen Weiden mit kleinen Tümpeln und schimmernden Seen und an v.g., dichten Wäldern vorbei - immer neugierig, was wir hinter der nächsten Biegung, dem nächsten Hügel wohl sehen und erleben würden. Eine, dem Sonnenschein ablenkende dichte Watte-Wolke erinnerte uns an Umkehr.

Um so mehr, weil wir im "Casa Verde", dem lindgrün gestrichenen Mini-Mini-Market der ital.-stämmigen, sehr freundlichen und um unser leibliches Wohl so hilfsbereiten wie besorgten Familie Schiavon unbedingt noch frisches Brot und notwendige Lebensmittel einkaufen mussten. Und weil uns der Durst plagte. So wie ichs schon mal sagte, der Mini-Market ist nicht nur die Quelle der Versorgung mit Grundnahrungsmitteln und Frisch-Produkten - auch 3 x täglich so frisch aufgebackenem Brot und Pastetchen. Er ist auch die Nachrichtenbörse, Bushaltestelle und Annahmedienst für viele Leistungen.
Und, sehr zum besorgten Leidwesen der heimischen Donas am heimischen Herd, die Kneipe mit der nur Männer sich mit Zuckerrohr-Schnaps, landestypischem Rotwein (mit Zucker etc. versetzt!!) und viel zu kaltem Bier fast täglich und meist zum Abend hin, um die sog. wichtigen Dinge im Leben kümmern und lauthals (wir nennen es simpel >schreien<) die unterschiedlichen Meinungen zu den Artikeln der einzigen und zerfledderten Ausgabe einer kostenlos ausliegenden dünnen Zeitung, über die Dummheit der anderen Dörfler herziehen und -staunend- schweigen, wenn ich mit Brigitte voraus, den kl. Laden betrete. Dann geht ein Raunen durch dem von übrigen Ladenteil, durch eine winzige Kühltheke mit beschlagenen Scheiben abgeteilten Vorraum (mit 3 wackeligen Stühlchen und einem etwas zu voll mit Gläsern und Flaschen bedeckten, flachen Tisch): "Alemanhos"; das Wort versteh ich im nun in der Lautstärke stark verminderten Gebrabbel, nach dem wir freundlich die Tageszeit >tardes< (Nachmittag - früher Abend) ausgetauscht haben. Und dann herrscht Stille, bis auf die schrille Stimme der aufmerksam uns mit neugierigen Blicken und uns so mit unverständlichen Kommentaren bedenkend, wenn wir etwas länger vor einem Warenangebot stehend, die Aus- und Bezeichnungen sowie Preise studieren und uns knapp in deutsch kurz übers vermeintliche des Inhalts und Qualität informieren.
Nach der Bezahlung, wenn wir ein paar Schritte von der stets geöffneten - für was hat man denn 'ne ratternde Klimaanlage und beschlagene "Frost"-Theke? - Ladentüre weg sind, dann geht das Geschrei - ich meine etwas heftiger und lauter weiter. Ich vesteh mal wieder nur "Alemanhos" unds übliche manhana und... in der Regel tippeln wir dann etwas müde hügelaufwärts und heimwärts. Bis auf die wenigen Tage, an denen wir den Markt zur Kneipe umfunktionieren und uns 2 Stühle der drei wackeligen und der feucht saubergewischte Tisch auf die strahlend sauber gepflegte, kleine "Terrasse" gestellt und wir unser Bier -eiskalt, einfach zu kalt und noch in einem Kühler- freundlich serviert bekommen und uns dem hinter uns, seitwärts liegenden Ladenvorraum nur sanftes Gemurmele hören und ich mir wieder, von den vielen Worten "Alemanhos" verstehend, mein Bier in den fast schon abgefrorenen Händen "trinkbar" aufwärme.

Tja, dies ist auch die brasilianische Gastlichkeit. Von den 4 nicht "abgesprungenen" Gläsern bekamen wir zwei frisch ausgespülte und 2 von 3 Stühlen und 'nen Tisch zum Biergenuß vor dem "Kühlhaus" der Fam. Schiavon. Das hat man hier davon, ein "Alemanhos" =ein Deutscher und geachteter Kunde und Gast zu sein. Nur den "Rotwein" aus der 2 1/2 ltr. Flasche, den packe ich nicht an. Auch wenn er nur 2 R$ kostet und scheints nicht so eiskalt, mir den Magen aber dafür auf so andere Art verderben kann und bestimmt tut.
Aber da bin ich auf der Hut und gegen meine sonst so übliche Neugier gefeit. Ich weiß zwar nicht genau, was >in< diesem... Wein von der Serra Gaucha so alles, außer Zucker, drinn steckt - ich versteh so gut wie nichts von dem was auf dem Etikett, so nett und bunt, steht. Nur es ist mir, sehr augenscheinlich in der Auflistung doch viel zu viel!!

Das spricht für Magenprobleme und ganz sicher für arge Kopfschmerzen. Nein, Brigittes frische Limetten-Limonade oder die noch kuhwarme frische Milch tuts ja "mal" auch - oder frisches, kühles Brunnenwasser, oder 'ne Fläsch Bier von hier! Aus Basta!!
Mehr Gedanken mach ich mir hier nicht über den arg vermissten "abendlichen Haustrunk", meinen *R*iesling oder einen anderen leckeren Wein. Nur... TRINKBAR OHNE REUE sollte er schon sein. Und ich fahr noch mal die 128,7 km mit dem Rumpelbus über holprige Pampa-Pisten und schleppe mich mit 2, 3, 4 gar 6 (!?!) Püllekes von MIOLO-Wein gerne durch die Hitze ab!

Eure olle Weinnase


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