Weinnase in Brasilien 2008

XXXVI. In den Wind geschrieben!

13.11.2008

Bom Dia!

Es ist der stete Pampa-Wind, der die Wolken vom Atlantik übers weite Gaucho-Land treibt, den ersehnten, seltenen Regen für die fruchtbaren Felder bringt. Und auch die Wolken, drohend und dunkel, vertreibt. Der den Staub und Sand von den glühend-heissen Pisten aufwirbelt und durch jede Ritze im Haus uns treibt. Der Wind, der den Bambus-Hain hinter dem alten Farmhaus zum klicken und klappern und die mächtigen, hohen Eukalyptus-Bäume zum rauschen und rascheln bringt. Und der uns gelegentliche, erfrischende Zeiten auf der Terrasse vor dem Hause beschert. Der dadurch die Sonnenglut (+34C) mildert und uns aufatmen lässt. Der Wind, der meist bergan weht und zu mächtigen, orkanartigem Sturm auch die Unwetter formt und uns in dem Schutz des stabilen Hauses hält!
An den kilometerlangen, meist menschenleeren Atlantik-Stränden formt und schafft er eine so unberührte Dünenlandschaft, in urwüchsiger Pracht die ufernahen Küstenwälder erhält und Lebensraum für unzählige (Wasser-)Vögel, verschiedener Arten, prägt.

Der Wind, der auch einst vor 500 Jahren die plumpen Segler der erstaunten Seehelden aus Europa als Eroberer brachte. Der Millionen Menschen über den Atlantik in ihre Neue Heimat - und viele in die Sklaverei bringen. Der Wind, der oft die Spuren gescheiterter Siedlungsversuche "verwischte" und manche Zerstörung hervorrief. Der Wind, der die unendlich wirkende Weite der Pampa vor sehr, sehr langer Zeit schuf.
Eine Zeit, in der es noch keine Menschen der Ur-Völker hier, in dem Süden Brasiliens gab. Zumindest sind keine der Spuren solcher Besiedlungen bislang auffindbar gewesen. Selbst die riesigen Flußmündungen in den Atlantik verändert er stets mir seiner peitschenden Macht. Es ist der Wind, der hier im Süden das subtropische Klima mit erschafft und erhält!

Ob hier je ein Fluß der AMERINDER, der ältesten Urbevölkerung Amerikas das grüne Gras der Pampa-Weiden -vor +50.000 Jahren v. Chr.- betreten hat, weiß nur er, der Wind. Denn er hätte die Spuren längst vergangener Ur-Kulturen sanft, als nie geschriebene Geschichte, verwelkt und uns im Ungewissen gelassen. Erst im 15. Jahrhundert kamen -und dies ist selbst noch ungewiss- die Völker der Tupi und Guarani bis in den Süden und Südosten des Riesenreiches. 17.000 u. 10.000 v. Chr finden sich erst -im Norden Brasiliens- Wandmalereien und datierbare Skelettfunde der ältesten Besiedlung. Eine höher stehende Kultur, die der sog. "Keramik-Kultur", ist erst auf 100 v. Chr. verlässlich, im Amazonasgebiet, feststell- und nachweisbar. Viel an Wissen über die hier im nun brasilianischen Staatsgebiet einst lebenden Ur-Völker haben wir -noch- nicht. Zuviel hat der Wind uns hier die dürftigen Spuren verweht!

Die älteren der Nachkommen der Siedler hier in <RS> erzählen Geschichten vom Pampa-Wind, der Menschen verschwinden lässt. Einsame, sehr abgelegene Gehöfte und Farmen, als es noch die Zeit war, wo nur Ochsengespanne und Pferdekutschen sowie gelegentliche Reiter als eine unsichere Verbindung zu den Dörfern und größeren Siedlungen sowie Städten an der Küste gab, wurden ohne ersichtlichen Grund verlassen aufgefunden. Von den einstigen Siedlern/Bewohnern keine Spur. Kein Hinweis auf ein Unglück oder einen sonstigen Grund für das Verlassen des sicheren und eigenen Grund und Bodens.
Die Älteren erzählen dann so seltsame Geschichten, daß es der stetige Pampa-Wind gewesen seie, der die Menschen geholt hätte. In der Abgeschiedenheit und Einsamkeit, oft jahrelang ohne Kontakte wären diese Menschen durch den steten Wind wie krank -wahnsinnig- geworden und sind den singenden-swingenden Tönen des ewigen Rauschens in die unendliche Weite der Wildnis der damals noch unerschlossenen Pampa gefolgt - der Wind hatte sich seine Beute gesucht und geholt. Der "stetige Wind" der vielen Geschichten und Stories hat man so schon oft solche... "Moritaten" erzählend vernommen.
Obs so der Wahrheit entspricht, oder ob die erfolglosen Siedler einfach nur aufgegeben haben und weitergezogen sind... wissen tuts doch nur der ewige Wind, der über die Weiten der Pampa noch heute "beutemachend" herrscht und oft an den Nerven zehrt!

Man muss hier in der (oft) menschenleeren Pampa-Weite schon sehr willensstark sein, die Strapazen des bäuerlichen Lebens auf sich nehmen können. Denn (oft) ist es nur der Wind, und in seiner Gefolgschaft die Wolken, die "Gesellschaft" und Abwechslung bringen!
Ohne den steten Wind würde die hohe Luftfeuchtigkeit der Land- und Weinwirtschaft enormen Schaden bringen. Denn der kühlende Abendwind trocknet die Reben und bringt auch den -seltenen- Regen vom Atlantik her. Hinter dem Land um Morro Redondo und Cangacu lässt dies eine sehr ertragreiche und gesunde Land- und Weinwirtschaft sowie Obstanbau zu.
Der Wind der Zukunft ists, der mir Sorgen bereitet. Der Wind von heute vertrieb die dunklen Wolken und brachte über die späte Nacht den ersehnten Regen. Der Wind der Vergangenheit löschte manche Spuren und Fehler der Menschen, die s.Zt. die hier ungestüme Natur -noch- nicht kannten, wertvolle Küstenwälder vernichteten und sich damals wie heute ihre eigene Zukunft. Der Wind ist auf den Sandpisten sehr lästig und ein staubiger Reisebegleiter. Ohne ihn wäre aber jede dauerhafte Chance hin, hier Weinanbau und Landwirtschaft zu betreiben. Ich schätze seine Anwesenheit - mit kleinen Einschränkungen wegen des staubigen Mantels - und genieße seine Linderung gegen die Gluthitze des Tages doch sehr.

In den Bergen der Serra Gaucho regnet er die Wolken ab und versorgt das weite Land mit kostbarem Wasser. Durch viele Quellen und mäandernde Flüsse, kleine Teiche, Tümpel und Seen wird das Land fruchtbar gemacht. Pitoreske Wasserfälle und tiefschluchtige Flußläufe schufen eine grandiose Landschaft in grün, mit einer prächtig blühenden Vegetation.
Alle Kraft, die hier erst dies vielseitige Leben schafft, kommt hier im Gaucho-Land vom Wind. Die sengende, dörrende Sonne ist der Meißel, der Wind der Hammer und der oft gewaltige Regen, der polierende Schmirgel, der dies Bildnis der Pampa seit Urzeiten schuf. Zum Segen der unbändigen Natur und für viele Menschenleben in dieser Vielfalt, die sich hier, noch kaum eingeengt, regt, blüht und üppig präsentiert!
Mit diesen Gedanken schau ich mir, unterm schattigen Zimtbaum, die vom Wind geschaffenen, sehr schnell vergänglichen "Wolkenbilder" fast träumend, oft stundenlang, gerne an. Sehe mir die "Jäger der Lüfte" in ihren weiten und langen, fast ohne einen Flügelschlag, kreisen und gleiten an. Bewundere die vielen, mir unbekannten Vögel und lausche ihren Tönen, die sich mit dem rauschen und rascheln des Windes in dem Geäst des Bambushaines, dem "Lied der Pampa" seinen Rhythmus gebend.

Der Wind, der die Menschen hier aus Europa und Asien aus qualvoller Not und politischer Enge gebracht hat. Derselbe Wind aber wars auch, der im Bauch der vielen Segler Menschen als Sklaven aus Afrika half zu "verfrachten". Der Wind, sollte seine Kraft mal, ob der sich ändernden Umwelt, nachlassen, dann gnädig aus verdörrtem Land den Sand als "Leichentuch", durch der Sonnenglut hervorgeworfen, ausbreiten wird. Und dies wird sein, wenn die kühlen arktischen Winde nicht mehr die regensatten Wolken in der Serra Mata oder Serra Gaucha ihren strömenden Lauf abgebend, an lebensspendendem Regen, bringen wird. Nur der heiße Sand des Landes im Süden Brasiliens, ein "Spielgefährte" sein wird.

Mit dem Wind fing hier in Brasilien ein neues Kapitel in der Menschheitsgeschichte an. Er brachte die Segelschiffe, via den Azoren und Afrika in die Neue Welt. Mit dem Wind wird sich auch das Schicksal dieser "Neuankömmlinge" (vor ca. 500 Jahren erstmals hier an der Nord-Ostküste gelandet) ändern, sobald er sich den neuen Umweltbedingungen, den Meeresströmungen -seiner Natur gehorchend- angepasst hat. Er dann nicht mehr der "Segensbringer", sondern der Leichenbestatter sein muß!

Ja, dies ist die Geschichte, die mir der Wind, und seine Gespielinnen, die Wolken, erzählt haben. Als ich so friedlich und entspannt unterm Zimtbaum und seinem Freund, dem Feigenbaum saß und den Wind "spürte"!

CpS


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