Weinnase in Brasilien 2008

XXXXIII. Heitere Gelassenheit macht sich breit!

27.11.2008

Bom Dia!

Schon seit 4 Tagen -und noch immer- hält uns der heftige Sturm im alten Farmhaus wie gefangen. Orkanartige Böen peitschen den Regen gegen das Haus. Die zugigen Fenster und Türen halten den Druck kaum aus. Irgendwo klappert und rattert dadurch immer irgendetwas, was uns auf die eh schon angespannten Nerven geht.
Der einst azurblaue Himmel ist seit Tagen mausgrau und "sonnenfrei". Schwarze, tiefziehende Wolken vom nahem Atlantik und antarktische Strömungen in das Gaucho-Land vom steten Wind getrieben, regnen hier in den grünen Hügeln der Pampa über dem Morro Reoindo, dem "Runden Berg", in den Ausläufern der Serra Gaucha gelegen, ständig ab. Es ist naß und unangenehm feucht geworden. Und für die hiesige Sommerzeit doch entschieden zu kühl 14/23C zeigts Thermometer in der Nacht/Tage unverändert an.

Kaum aus dem Haus kamen wir. Selbst Einkäufe im Dorf, daß den Namen des Berges, um den es in über einer Stunde Fußweg (stetig bergan) liegt, trägt, schoben wir auf. Wir haben uns im alten, ächzenden Haus am Passo do Valdez, das uns Don Oswaldo gastfrei zur Verfügung stellte "verkrochen". So wie die Hunde hier auf der Farm und fast alle, der weitab gelegenen Nachbarn, nur das Unerlässliche auf den Äckern und Feldern sowie Weiden -wie es Bauern nun mal tun- taten und sich sonst nicht aus dem Hause trauen. Man wähnt die ohnehin schon leere Gegend nun fast, seit über 4 Tagen, menschenleer und irgendwie öde. Nichts lenkt uns hier irgendwie ab von uns. Denn hier haben wir nur uns zur Geselligkeit.
Spätes Frühstück, gegen 8:00 und frühes Abendessen, gegen 18:00 Uhr, sind z.Zt. unsere tageszeitlichen Eckpunkte in einem gleichförmigen Tagesablauf, den viele für höchst langweilig halten werden. So wie es bei uns Alten ja -angeblich- so üblich sein soll.
Nun, ganz das Gegenteil ist der Fall. Viel Zeit den eigenen Gedanken, ungestört von "Entertainment" aller Art, nachzugehen. Zeit um sich über "alte Zeiten", über längst ausstehende Probleme mal sehr ausführlich zu unterhalten und Geschichten zu erzählen, die jeder von uns erlebte und die in den Erinnerungen "kleben" geblieben sind und nun wieder sehr "lebendig" wurden.

Kaum glaublich, wieviele Rezepte von Omas und Tanten, längst verstorbenen Müttern und Großmüttern man zur "Roten Bete", der uralten Kulturplfanze, in Deutschland als Salat meist bekannt, doch noch kennt. Als "Beteraba" ist diese Ackerfrucht auch hier ringsum bekannt. Nur uns kommt sie deutlich intensiver - "erdiger" schmeckend vor. Und sich dazu - und vielen anderen, uns noch unbekannten Ackerfrüchten und Obst - Rezepte zu creieren und auszuprobieren, macht nicht nur Spass, sondern ist ein genüssliches Kennenlernen der heimischen, brasilianisch "angehauchten" Küche. Vertrauter mit den frischen Produkten des Landes werden, und ein Teil unseres Verstandes, ein kleinwenig an Genuß-Abenteuer einzugehen, wird dann gereizt.
Und dabei lernen wir auch die brasilianischen Küchenkultur und Sprache etwas näher -besserungswürdig- kennen und uns in der schier unglaublich großen Angebots-Palette von Lebensmitteln - insbes, den sog. "Amazonas-Früchten" - etc., immer "mutiger" werdend, nun etwas besser aus. Unsere Nachbarn und selbstversorgende Farmerin, die Gastgeberin Eveli berät und ermutigt uns mit Tipps und lässt uns von der Vielfalt ihrer selbstgezogenen und -gemachten Leckereien oft kosten. Und dies animiert uns zur "Gourmandise als Brasil", oft mit abgewandeltem Rezept/Stil.
Klar, daß das auch unserer Nachbarin dann gefiel, bei/von unserem Tisch als Gast zu naschen und probieren. Dadurch kommt wieder neuer "Gesprächsstoff" in unsere Beschaulichkeit. Unsere neuen Hof- und Farmgenossen, das Hundepaar im Welpenalter, trägt durch sein drolliges Toben und Treiben oft zu unserer Heiterkeit bei.
An Arbeit und Aufwand für den unsrigen "kleinen Haushalt" benötigen wir wenig Zeit. Obwohl der rötlich-braune Staub von Wegen und Piste, von oben liegenden Dorf MoRe zu uns an den Passo do Valdez runter, doch ein munteres, tägliches putzen notwendig macht. Und dies geht flux von der Hand, denn ein Staubsauger ist uns hier unbekannt.

Das Leben hier im Gaucho-Land kommt uns oft wie eine Zeitreise, ca. 50-60 Jahre in die Vergangenheit, die Zeit unserer Kindheit vor. Reiter, Pferdewagen, Kutschen und "historische" KfZs der 40er, 50er und 60er Baujahre des letzten Jahrhunderts fahren noch hier in erstaunlicher Zahl. Oft werden wir an die Filme des "Wild-West-Genre" erinnert, die so oft über den TV geflimmert sind. Hier erleben wir aber eine solche Zeit der heiteren Beschaulichkeit, inmitten einer sehr urwüchsigen Natur und bäuerlichen Kultur, hautnah und unmittelbar. Etwas, was wir aus unserer Heimat so nicht mehr gewohnt sind und uns kaum noch erinnern können.
Viel übers Leben in der Pampa zu erzählen, aufregendes oder "Weltbewegendes" gibts nicht. Man kanns nennen wie man will. Obs Eintönigkeit oder Langeweile dann heißt, bleibt dem jeweiligen Leser/Betrachter überlassen. Oder obs friedvolle, heitere Beschaulichkeit inmitten einer unbändigen Natur ist, was man -wie wir hier- erlebt und wonach man strebt, es ist eine kaum vorstellbare Zufriedenheit, die sich nach einer längeren Eingewöhnungszeit dann breit macht.
Wer hier lebt, liebt dieses Land, den roten Sand, die grünen Hügel, den weiten Blick, die sengende Sonne und den stetigen - manchmal sehr heftigen Wind vom Atlantik her. Für den ist es Heimat geworden: Brasiliens Süden; das Gaucho-Land mit sandigem Meeresstrand!
Obs uns je eine -neue- Heimat werden kann, dies hängt nun von so vielen Faktoren, und nicht allein mehr von uns nun ab.

Etwas mehr vom Land der weiten Pampa hat uns der Wind "erzählt" und Ruhe uns vermittelt. Etwas mehr von den Menschen und ihrer Eigenart vestehen wir -als Nachbarn auf Zeit- nun doch besser. Etwas mehr von Brasilien werden wir dann u.U. und mit mehr Zeit, nach längerer Anwesenheit, dann durch Reisen sicherlich noch kennenlernen.
Und darauf sind wir schon sehr gespannt und neugierig. So wie ich auf den Wein von der "Fischer-Insel" der alten Hafenstadt Rio Grande, der auf den größten Insel der riesigen Süßwasser-Lagune seit längerer Zeit schon als "Landesspezialität" angebaut und >ausgetrunken< wird.

Kaum eine spannende Zeit für uns Zwei in der Neuen Welt werden! Schaun mer mal, obs uns so möglich sein wird!

CpS


Copyright © 2007-2015 by Christian Segers - All rights reserved.
Last modified: