Weinnase: Geschichten aus Tunesien 2007-2008

7. Brief aus Afrika: Eine Nacht - ein Datum - (K)ein neues Ziel für mich!?

31.12.2007

Bonjour, Barbara!

Nun muß ich wieder "üben": Ein neues Datum muß ich mir einprägen!
2008 wirds nun über Nacht. Was hat uns das letzte Jahr gebracht? Was haben wir aus unseren Hoffnugen und Wünschen gemacht? Für mich ging ein Jahr voller gesundheitlicher Probleme sehr langsam und schwierig vorbei. Dabei ist meine verflixte Kränkelei noch immer nicht vorbei.

Ein Jahr mehr stehe ich zu unserer Freundschaft, die mir sehr viel Freude gebracht hat und die ich nicht vermissen möchte. Ich hoffe, Du denktst auch mal an mich, der sich so von dannen schlich. Es kuriert sich meine "Hüstelei" langwieriger und schwieriger, als ich hier geplant hatte. Dazu noch die Schmerzen von dem Hieb, den mir dieses Rüpel-Girl auf der Busfahrt zu Peter H. in die Rippen verpasst hat. So fängt's neue Jahr genauso an, wie's alte Jahr mich belastete - klingt nicht sehr zufrieden, wer tut aber schon seine Schmerzen lieben?

Der Maghreb ist noch immer sonnig - frühlingshaft und gibt mir fürs Kurieren hier Kraft und Zuversicht. Nach meinem Geburtstag will ich dann -endlich- los und von der grünen Küste, am Cap Bon, weg in die Wüste. Kaum glaublich daß das absolute Nichtstun und stete Ausruhen mir so laaange Zeit die Gelegenheit zum genüsslichen Zeitvertreib und Kur für meinen Laib gegeben hat und ich dies bislang für mich so unbekannte "Gefühl" auch angenommen habe!
Noch habe ich keinen meiner Kontakte angerufen oder -wie bei mir üblich- konkrete Pläne gemacht. So laaangsam scheint mirs Nichtstun und Ausruhen doch zu gefallen - oder ich bin noch immer so schlapp und kränkelnd, um auffe Beine zu kommen!?! Wie auch immer, fürs Neue Jahr 2008 habe ich KEINE Pläne gemacht. Mir nichts vorgenommen und nichts an Aufgaben angenommen, mir aber auch nichts vorgemacht, ich könnt' noch wie ehedem, mit meinem Dickschädel, durch die Welt gehen und Probleme angehen, die den meisten Menschen "auf die Nerven gehen".

Ich bin etwas ziellos und... muß leider erkennen, daß die Helden in ein Alter kommen - Clint Eastwood; der "Dirty Harry" ist 77, Jean-Paul Belmondo ist 74 als "Profi" geworden; "James Bond", alias Roger Moore ist... 80 geworden - indem sie "müde" werden, "Heldentaten" zu vollbringen. Nun muß ich mich wohl also doch "durchringen", etwas >"anderes"< in Angriff zu nehmen, um nicht noch wie Jopie Heesters zu singen und mir die Texte von der BiWi "vorzischeln" zu lassen. Nein, dies werde ich lassen!

Ein nächtlicher Sturm hat das Meer aufgewühlt und beträchtliches Wellenspiel ist auf der sonst so spiegelglatten See zu sehen. Das Kurbad bei uns in der Strand-Oase wird heute wohl angesagt sein. Toll, im warmen Wasser zu entspannen und dann werden wir uns vom "Silvester-Spektakel" im Hotel überraschen lassen und vom lukullischen Überangebot wohl zuviel naschen. Das Weinangebot im Rot habe ich schon durch. Die vinophilen Ausflüge ins Rosé oder Weiß, die haben mich nicht überzeugt.
Wenn man aber bedenkt, daß ich in AFRIKA, in einem Wüstenland, dazu noch zu 99 % islamisch, problemlos landeseigene Weine -preiswert- zu passablen Preisn und tatsächlichem Genuß auf den Tisch bekomme? Ist schon "genial", oder?

Zum Niklaus-/Geburtstg schenkte ich meiner Frau ein Buch. Ein Buch, das der Russe Wladimir KAMINER, seit einiger Zeit in Berlin lebend, geschrieben hat. Witzig und "treffsicher" über das -seltsame- Leben der Deutschen. Sinnigerweise mit dem Titel "Mein Leben im Schrebergarten". Gestern legte Brigitte mit einem lauten Lachen das ausgelesene Buch auf den Hotel-Nachttisch. Und nun lese ich, was Herr Kaminer, auf der Parzelle 118, im Kleingartenverein "Glückliche Hütten" er- und überlebte, bis er zu treffenden Schluß kommt: "Die Erde ist ein Schrebergarten"!
Ich konnts gar nicht erwarten, dies grüne Buch in die Hände zu bekommen. Zu oft war es vorgekommen, das meine Frau glucksend lachte oder kichernd "näh, näh, näh" ausrief, jedoch das Buch nie weglegte, bis sie (und ich daneben) glücklich grinsend einschlief! Schon ab Seite 11 hatte es mich gepackt und auch ich mag das grüne Buch nicht gerne zum Essen, Badbesuch oder "Schlafenszeit" aus den Händen legen. Ob wir wohl beide über dieselben Passagen aus dem grünen Buch gelacht, geschmunzelt oder grinsend nachgedacht haben?
Das war also mal ein Geburtstagsgeschenk für die BiWi, daß uns beiden Freude machte. Denn vieles aus dem grünen Buch sind auch unsere Zeit aus dem (meinen) Leben in Schrebergarten. Nur daß dieser bei mir -uns- "Kleiner Zaubergarten" nun heisst. Lesenswert für alle Schrebergärtner, die sich hier stückweise bis ganz wiederfinden können. Oder die, die hier der Deutschen größtes Glück, in gesetzlicher Regelung des Bundeskleingartengesetztes, belächeln können. Auf jeden Fall ein lesenswertes Buch, wie die Deutschen aus (russischer) Einwanderersicht sich präsentieren: Als erbverbundene Schollenwächter im eigenen Grünen!

Mit 20 C war es zu "Heilig Abend" warm, fast somermlich. Nur das Meer war sehr aufgewühlt. Irgendwo auf dem Mittelmeer muß ein Sturm gewütet haben, der unseren Golf von Hammamet so aufgepeitscht hat.
Vor 10 Jahren besuchte mich die BiWi in Südfrika, Kapstadt, damit ich nicht allein die Feiertage auf der Farm "Waterfall" verbringen sollte. Am 2. Weihnachtstag verstarb ihre kranke und alte Mutter. Vor 12 Jahren war ich in Westafrika, als meine mir sehr so liebgewordene Freundin Monika -Dörnenburg- verstarb. Vor Jahren, als ich in Ostafrika stromerte, verstarb einer meiner Freunde. Capetown, Gambia, Tansania (Maghreb, der "Westen" auf arabisch) und Tunesien. Nun habe ich den "Stern von Afrika" bereist und hoffe, nicht wieder mit einer betrüblichen Nachricht so betroffen zu werden. Da ich die knapp 3 Wochen hier auf dem Cap Bon nichts aus der wohl kühlen Heimat hörte oder las, geh' ich davon aus daß das alte Jahr 2007 ohne "böse" Überraschungen sich verabschiedet hat!

Letzten Sonntag haben wir uns den Luxus erlaubt und haben uns in einem etwas exclusiveren >Gartenrestaurant< mit vorzüglicher Küche nebst tollem tunesischem Weinangebot ganz toll verwöhnen lassen: "Chez Achour" hieß dieses Gastro-Tempel an der Corniche -unter schattenspendenen Bäumen- gelegen. Eine Quantität und Qualität an Speisen, wie ich sie in Europa kaum finden werde. Und dies zu einem sensationellen Preis, den man mir kaum glauben kann: ca. 20 Euro incl. 1 Fl. tollem Rotwein und 5 Gängen für nur uns beide!
Wir haben beschlossen, wiederzukommen, um die superfrischen Fische aus dem Golf vom Grill zu genießen; das Menue für 16 Euro p. Pers. incl. 1 Fl. tunesischem Wein klingt doch fein zum meinem Geburtstag am 11.01.08! Oder?

Nach dem 11.01. werden wir die Touren in den "tiefen" Süden und Wüste unternehmen. Bis dahin hoffe ich soweit >schmerzfrei< zu sein, um die Strapazen zu überstehen. Dann werden wir den Luxus an der "grünen" Küste des Cap Bon gegen die "Wüsten-Romantik" und Oasen-Kultur "eintauschen" und ein quasi Nomadenleben anstreben. Berber- und Sternenzelte, tagsüber die Hitze - des Nachts die Kälte, und Kameldung-Lagerfeuer und heiße Quellen an einigen versteckten Stellen der >Grand Erg Oriental (=Sahara)<. Mit Karl May DURCH DIE WÜSTE ziehen, dies hat doch was... romantisches! Oder?
So werden wir also IFRIKIA (der "alte" Name für Afrika hier im Maghreb) in Bälde auf eine besondere Art kennen lernen. Darauf bin ich sehr gespannt! IFRIKIA, wir kommen!!

Es ist schon weit weg, unser schneeseliges Deutschland, die weihnachtsduselige Heimat im Kaufrausch und Stress falscher Festlichkeit. Im maurischen Café "ACHIRI" saßen wir heute, an der Festungsmauer, der Medina von Hammamet und träumten vor uns hin. Weihrauchgerüche, der fruchtige Rauch der Shishas, die so fremdartige Musik des Orients und die warme Sonne Afrikas - in den Tassen wohlschmeckender Tee mit Pinienkernen der auf wackeligen, bunten Tischchen serviert wurde. Die -ausschließlich- männlichen Gäste haben meine Frau in meiner Gegenwart auf der Café-Terrasse akzeptiert. Im Inneren des ur-alten Cafés wäse sie so nicht willkommen gewesen. So aber wurden wir in orientalischer Gastfreundschaft aufgenommen und höflich wie sehr freundlich bewirtet.
Das ursprüngliche punische-röm. NEAPOLIS (=Nabeul) und das römische PUPPUT als Verkehrs- und Hafenorte waren in den ersten 3 Wochen unsere tägliche "Besuchsstationen" am Golf von Hammamet (=Pupput). Oft war ich meinen Träumen in der Zeit weit zurück, als noch die karthagischen Großherren vom Golf von Tunis hier ihr Land beherrschten und gegen die marodierenden Wüstenstämme, nubische Reiter und die Heere aus "Übersee", in gewaltiger Übermacht aus Rom unter Scipio d.Ä. (und später auch unter J. C. CÄSAR) verteidigten. Bis hin zur zeitweiligen Eroberung der Stadt Rom durch HANNIBAL, den genielen Strategen und Feldherrn Karthagos.
Ich kann in meinen Träumen diese Zeit "erleben" und die Geschehnisse aus tausenden Jahren der Geschichte und 1.000 Geschichten um dieses Land, daß so wichtig für die spätere Entwicklung Europas war: AFRIKA = JFRIKIA!

Über 3.000 Jahre Geschichte, 7 verschiedene Kulturen und Völker prägten dieses Land, dessen Name später dem ganzen Kontinent seinen Namen gab; der Maghreb - Tunesien u.a. - war das Schicksal für beide Kulturkreise und Kontinente; Afrika und Europa: dem Christentum und dem Islam!!
Ca. 8.000 Jahre vor Christi datiert man die Funde einer menschlichen Ur-Besiedlung in der Region um die Stadt GAFSA, im Süden Tunesiens, dem römischen CAPSA mit seinen Quellen. Mit der Eisenbahn in ca. 9 1/2 Std. von Tunis erreichbare Oasenstadt ohne besondere touristische Bedeutung. Ca. 100 km vor TOZEUR gelegen. Hier also begann Nordafrikas "menschliche Geschichte" und liegt der Ursprung der Berber-Völker (und "Lybier"): 10.000 Jahre Menschheitsgeschichte begründen sich hier in Tunesien; Ausgrabungen und Forschungen werden noch große Überraschungen bringen und bergen!

CpS


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