Weinnasen-Geschichten aus 2005

Ein "intellektueller" Wein...


09.04.2005

... wollte er sein!

Tach aber auch!

Wenn unser aller "Besserwisserle" Harald Schmidt auch watt von Wein zu verstehen sich bemühen würde, dann würde *ER* ihn spöttisch-verbrämt genießen. Dabei würd' er manchen Weinfreund verdrießen, wenn *ER* vom "Unterschichten Wein" und seinem Favoriten, dem

COS D'ESTOURNEL

reden könnte. Aber uns Harald ist nun mal nitt der Intellektuelle, für den ihn unsere Intellektuellen halten wollen.
Im SAINT-ESTÉPHE Weinanbaugebiet gehört das Weingut zu den "Seconde Crus" des MÉDOC im Bordeaux als berühmtes AC-Gebiet der WeinWelt. Das Médoc ist geologisch gesehen, eine ca. 130 km lange Halbinsel an der Gironde. Oberhalb der AP Pauillac mit sandigen und kleinkiesigen Böden. Die Breite des "Trophäen"-Weinbanbau-Gebietes ist selten größer als 15 km und zum Atlantik über dem (Zusammen-) Fluß Gironde/Garonne. Lateinisch soll der Name Médoc abgeleitet werden können: "in der Mitte des Wassers"!

Die 6.000 ha werden einem durchschnittlichen Ertrag von... ca. 400.000 hl., und nun bald mehr an Flaschen als verkauft werden können, produzieren dürfen.
Die Spitzen-Rotweine Frankreichs werden aus den Rebsorten: Cabernet Sauvignon, Cabernet Franc, Merlot und (petite) Verdot sowie Malbec -als "Bdx.-Stile" bekannt -und weltweit kopiert- hergestellt.
Mit seinen Cuvée-Anteilen der ersten drei Rebsorten "spielt" der Winzer und es gelingen "Kompositionen" von "Bester Güte". Je höher der Cab.-Sauv.-Anteil, je höher die Tannin-Werte sind und sich die jungen Weinen mit der "ablehnenden Härte eines Rockers an's Etablissement" präsentieren.

Der Merlot gibt dem ruppigen Rocker etwas von Glanz und Würde sowie Opulenz eines saturierten Herren von sportlicher Gestalt und Geschmeidigkeit: Großbürgertum!
Intellektueller gestaltet sich der Médoc-Wein, wenn er sich den Cab.-frc. zur Elegance oder Verdot/Malbec zur Partnerschaft einlädt. Dann könnte es ein prächtiger Wein von Rang, Stand und Adel werden! So sieht's die Qualitäts-Klassifikation seit der "Exposition Universelle de Paris" im Jahre 1855 vor:

62 der größten Gewächse (Châteaux)
5 Cru-Classen, die in 1973 aktualisiert wurden (leicht korrigiert)!

In der Weinanbau-Gemeinde S. Estéphe gibt's für mich "nur" 4 Châteaux, die mich seiner Zeit -bis in's Jahr 1978- faszinierten.
Darunter das >spektakuläre< unter den Cru Classés: CLOS D'ESTOURNEL mit seinem als exzentrisch gestalteten Bau in Gestalt einer Pagode: "Überraschend" ist sein Anblick an einem Steilhang zum >Pauillac<; es überragt den Eindruck Château Lafite's!
Kraft (Druck), tiefdunkle (fast schwarze) Farbe, sprichwörtliche Langlebigkeit, dies sind die DREI KRONEN dieses Spitzenweines des St. Estéphe. Irgendwie erinnerte mich dieser Wein und sein "public-relation" an den just verstorbenen Papst Johannes Paul II, dessen Pointifikat man(n) ähnliche Qualitäten zuspricht.
Der COS ("s" mitsprechen!) braucht mind. eine Reife von 20 u.m. Jahren an Geduld. Mit 27 Jahren war der 1978 noch nicht der Reife letzter Stand; obschon genußvoll aber noch nicht wirklich "Groß": Nur dazu prädestiniert, dereinst mal... 2015 ff. als "Heilig" (in Sinne der Bdx.-Regeln) eingesegnet und "umgebettet" werden können!

Auf den Tisch der an Luxus gewöhnten Harald Schmidt-Seher und Fan's. Denn dann gilt er wohl als trefflicher Wein für Intellektuelle, die sich verführen lassen wollen und so ein Erlebnis dann mit ca. an 100 Euro pro Flasche bezahlen müssen.
Tja, tja, intellektuell á la Schmidt zu sein, dies kommt uns teuer im TV-Leben der Unterschicht! Fußball-Übertragungsrechte können sich "Harald Schmidt-TV-Sender" wohl nicht mehr leisten! Es lebe die Selbsttäuschung... ohne die Klassifizierung/"Schichtenteilung" noch leben zu können!!! Siehe in's Bdx.!!!

Unweit der Raffinerie de Petrole (Anc.) mit seinem Industrie-Hafen am linken Gironde-Ufer, nahe der Eisenbahnlinie (und eines kl. Kanals) i.R. Vertheuil wurde bereits Mitte der 70er Jahre des letzten Jahrhunderts schon mit modernen Methoden dem s.Zt. schon zu teuerem Rotwein für uns Le Misérable "an den Leib gegangen"!
Grund genug für mich, sich diese damalige "extreme Neuerung" anzutrinken und zu "studieren" was der Leerstoff und meine Spesenkasse hergab!

Mit der "Auslese", der "véraison" wenn die ehem. grünlichen Trauben in's Dunkle (rötliche Farbe) übergehen, wird der verantwortungsbewußte Winzer (Mâitre) noch grüne Trauben "auslesen" d.h. abschneiden lassen. Dies mindert zum einen den Ertrag und steigert den qualitätsbegründeten REIFECHARAKTER.
Ein teures wie arbeitsintensives Arbeiten im Wingert. Neben den anderen Winzerarbeiten wie Laubschnitt, Ausdünnung etc. Meist noch in großem Beton"fässern" wurde damals der Wein ausgebaut, die besser die Wärme halten können.
Heute kommt das "saignée" als "qualitätsfördernde Maßnahme" im Keller hinzu: "ausbluten" des Mostes durch Wasserentzug mit Umkehr-Osmose.
Ob Bruno Prats von Cos d'Estournel auch für den JG 1978 Verantwortung hatte, müsste mir sein WeinFreund Alan Winkleman doch "verraten" können; und ob damals schon der Wein "modernisiert" verarbeitet wurde!?
Ein "Glamour"-JG ist das Jahr 1978 im Bdx. nicht gewesen. Aber ein Jahr, das daß Können der Traditionalisten im Bdx. herausstellte.

Die "Macération" bei ca. 32C ist i.d.R., länger als bei einigen Winzer-Kollegen. Dies ist aber keine "statische Regel"! Wie ich "heute" weiß, setzt Bruno Prats alle technischen Möglichkeiten, intelligent wie behutsam, mit einer gehörigen Portion Verantwortung und Fortune, ein. Der Wein -i.d.R. mit 55 % Cab.Sauv. und 45 % Merlot- dankt es mit einer Fülle, Opulenz und Dichte. Rund die Hälfte der Ernten wird in neuem Holz ausgebaut. Edelstahl wird seltener -obwohl für teures Geld angeschafft- eingesetzt (bessere Temperatursteierung und Kühlung!).
"Jan Wellem" Prats (Jean-Guillaume) setzte 1998 ca. 1.600 neue Barriques ein und gab damit ca. eine halbe Million Flaschen einen neuen Typus an Wein-Qualität ohne (erstmals!) "Chaptalisierung", der Aufzuckerung VOR der Gärung. Aber auch hier wurde durch Umkehr-Osmose die Cab. konzentriert und... "aufgebaut"! Der "Body-Builder" ist scheint's notwendig auf Cos und im Bdx. Mehr als Winzer und "Schloßherren" dies uns "Naivitäten", dank der gefälligen Parkerisierung, zugestehen wollen: "Schwarzeneggerei" beim Bordeaux!!!

Auf jeden Fall gibt's mehr "Muskeln" als es der Cos sonst in den letzten 10-15 Jahren eigentlich i.d.R. hatte. Bis auf die wenigen "natürlichen" Ausnahme-Jahre! Und auf "Muskelmänner" steht bekanntlich Robert-Bobby-Parker; und der zu hohe $-Kurs der famosen Rotweine ist gewahrt!
Statt über Wesensarten des Winzers =Geschmack und Genuß der reifen Weine, wird mir zuviel über "PP's", $-Faßpreise und "Marketing-Schienen" sowie "genußoptimierende Kellermaßnahmen" gesprochen und unsachgemäß über die Médoc-Weine   s p e k u l i e r t   statt degustiert nach eigenem Gusto.

Ein absurdes PLV ="Preis-Leistungs-Verhältnis" ist die Folge seit ca. 25/28 Jahren im Bdx. Dies Fiasko bekommen und die Bdx-Märkte unschön, hart aber gerecht, zu spüren! Umsatzstagnation seit Jahren, folgt nun existenzbedrohender Umsatzrückgang in den letzten Jahren: Eine werte-verzehrende Inflation gleich, trifft es (zu)viel Wein in Stahl, Glas und Eich'!

Die Weine des Cos sind aber immer schon 'ne sichere Bank für Bdx.-Freunde und Tannin-Bekenner gewesen. Relativ preis- u. qualitätsstabil. Gut angesehen und keine "Aller-Wein-Welts-Montagen" der etablierten Wein(anbau)-Techniker á la Jean Gautreau als "remontage"-Separatist oder M. Rollard als DER Winemaker mondernen Bdx.-Stiles für Parker-isten! Und dies sind nur einige der "Spezialisten" die mir zu viel an "Demokratie" ="Gleichmacherei" in Sachen "Reinen/Wahren Wein" geliefert haben: 86 PP's müssen es ja immer mindestens sein!

Tja, damit wären meine Gedanken und Erinnerungen an ein pitoreskes Weingut im Médoc erschöpft. Denn in erstaunlicher Folge gibt's Weine vom Cos, die ich stets mir "sehr gut", selten mit "groß"! noch seltener mit "hervorragend" oder SEHR GROSS bezeichnen würde (wie einen aus den 40-igern und 60-igern, die ich mal im Paris "erwischen" konnte; früher mal!).

Und wenn's dem Alan W. gelingt, wird er/uns/mir etwas aus dem v.g. Weingut und Jahr des Beginn's des Pontifikat's des letzten Papstes, 1978, mitbringen, lieber Dominik Ziller. Du als Reblaus gehörst dann auch als Gast(Besucher) zu den Genießern des Logenhaus in Düsseldorf. Wenn linde Maien-Düfte wehen und genügend Weine zum Dinner anstehen, lasse ich's Dich wissen.

Also: TOTVS TVVS, die olle Weinnase;
on the road again.
In Sachen "Reiner Wein" und dem Genuß verfallen.

NS: Und *IHR* Kritiker und Oberleerer: Seiet gnädig mit mir! Klar gibt's noch mehr Methoden und berechtigte Meinungen als ich's ansatzweise grad bemerkte. Ich wollte nur dem Dominik Ziller mitteilen, was ich vom 78er Cos gehalten habe: 93 PP's wäre er, >so< wie er mir im Glas stand, sicherlich "abgerechnet" worden. Ich hab 55 Euro -teuer- bezahltes Leergeld geopfert und muß und etwas... "fasten"!


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